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Kerstin Woyke Pereira - zwischen Grenzen, Blicken und Bildern

„Die Aufgabe der Kunst besteht darin, Türen zu öffnen, wo sie keiner sieht.“

- Peter Weibel



Die Auffahrt zu Kerstin zieht sich. Ein Weg hinauf, der Zeit lässt, anzukommen - im Körper, in der Landschaft, bei mir selbst.

Oben steht sie schon in der Tür, mit Getränken, kleinen Snacks, einem offenen, wachen Blick.

Wir setzen uns, und aus einem geplanten Gespräch werden Stunden. Was sich schnell zeigt: Kerstin ist kein Mensch, der nur Antworten gibt. Sie denkt mit, fühlt mit, spiegelt. Und immer wieder taucht ein Thema auf: Grenzen UND wie man sie verwandeln kann.


Ein Großvater, ein Landschaftsbild und ein Mädchen, das nicht wegschauen kann


Bevor Kerstin überhaupt daran denkt, „Künstlerin“ zu sein, gibt es da ihren Großvater. Er malt Landschaften. Ein bestimmtes Bild von ihm wird für sie zu einem inneren Fixpunkt: Sie schaut es sich immer wieder an, fast so, als würde sie hineingehen in diese gemalte Welt.

Irgendwann reicht das Anschauen nicht mehr. Sie nimmt Stift und Papier und beginnt, genau dieses eine Landschaftsbild nachzumalen.


Nicht, weil jemand ihr sagt, sie solle das tun. Sondern, weil in ihr etwas ruft: Ich will das sehen und ich will das selbst mit meinen Händen machen.


Das ist ihr Einstieg in die Malerei: kein Atelier, kein großer Plan, sondern ein Kind, das sich traut, der eigenen Faszination zu folgen. Dieses hingebungsvolle Hinschauen - sich in ein Bild versenken, bis man es von innen kennt - ist etwas, das sie bis heute begleitet.



Foto mit freundlicher Genehmigung Kerstin W. P.
Foto mit freundlicher Genehmigung Kerstin W. P.


Vom Landschaftsbild zum Blick in die Augen


Mit der Zeit verschiebt sich ihr Fokus. Die Landschaften des Großvaters haben ihr beigebracht, Linien, Licht und Tiefe zu sehen. Aber Kerstin interessiert sich nicht nur für Horizonte, sondern vor allem für Menschen.

Sie erzählt, wie sehr sie es liebt, Menschen direkt in die Augen zu schauen. Nicht als kurzer Kontakt, sondern als wirkliche Begegnung. So entsteht nach und nach eine andere Art von Malerei: Portraits.


Hier kommt vieles zusammen, was sie ausmacht:

  • ihre Feinfühligkeit,

  • ihre Fähigkeit, in einem Blick ganze Geschichten zu erahnen,

  • ihre große Bereitschaft, sich innerlich auf andere einzulassen.


Wenn sie über Portraits spricht, spürt man: Das ist nicht „nur ein Motiv“. Das ist ihre Art, Menschen zu sehen und ihnen sichtbar zu machen, was sie oft selbst nicht von sich wissen. In ihren Auftragsarbeiten beschreibt sie, dass sie dann regelrecht „in sich einsinkt“ oder in die Person, die sie malt

und dass das Bild aus dieser Versenkung heraus geschieht.


Die Landschaft des Großvaters war der Anfang. Die Gesichter, die Augen der Menschen sind heute ihr eigentliches Feld.


Aufgewachsen mit echten Grenzen und inneren Rückzugsräumen


Kerstin wächst im Eichsfeld auf, in Grenznähe zur innerdeutschen Grenze. Grenze ist für sie nicht nur ein Wort aus Geschichtsbüchern, sondern Alltag: Linien, Schranken, Bereiche, in die man nicht einfach hineinspaziert.


Ich selbst bin nur wenige Kilometer weiter im Sperrgebiet groß geworden - mittendrin, mit innerdeutscher Grenze und Sperrgebietsgrenze direkt vor der Haustür. Unsere Wege sind nicht identisch, aber verwandt: Wir teilen diese Erfahrung, dass äußere Grenzen sich tief ins Innere einschreiben können.


Gerade wenn man so sichtbar begrenzt ist, entsteht oft ein zweiter Raum: der der Illusion, der inneren Bilder, der Vorstellung. Man kann sich verschließen - oder man beginnt, sich innere Räume zu schaffen, die weiter sind als das, was offiziell erlaubt ist.


Bei Kerstin wird dieser innere Raum zur Quelle ihrer Kunst:

Illusion ist nicht Flucht, sondern ein Vorstellungsraum, in dem sie die Begrenzungen des Außen überschreiten kann. Ihre Bilder bewegen sich genau in dieser Zone zwischen Illusion und Realität - zwischen dem, was sichtbar ist, und dem, was darunter liegt.


Kunstwerk von K.W.P. - Foto bereitgestellt von K.W.P.
Kunstwerk von K.W.P. - Foto bereitgestellt von K.W.P.


Sport, Schweigen, Bilder als neue Sprache


Eine Zeit lang ist Sport ihre wichtigste Ausdrucksform. Über den Körper, über Leistung, über Bewegung fängt sie auf, was in ihr keinen anderen Kanal hat.


Doch irgendwann, etwa mit 13, ändert sich etwas Grundlegendes: Sie zieht sich innerlich zurück und kommt an einen Punkt, an dem sie sinngemäß sagt:


„Ich rede nicht mehr.“


Die verbale Sprache bricht weg - aber sie fällt nicht in Leere. Stattdessen tritt etwas anderes nach vorne: die Bilder.


In dieser Phase werden ihre Zeichnungen und Gemälde zu einer neuen Form von Sprache. Alles, was sich nicht aussprechen lässt, findet seinen Weg über Farben, Linien, Flächen. Die Malerei wird zu einem stillen, aber kraftvollen Gegenpol zur Sprachlosigkeit

und zu einem Werkzeug, mit dem sie innere und äußere Grenzen verarbeiten kann.


Aus der Jugendlichen, die ihren Körper im Sport auspowert und irgendwann lieber in Bildern spricht als in Sätzen, wird eine Erwachsene, die Verantwortung übernimmt - für andere, für den Alltag, für ein gelingendes Außen. Doch ihre innere Stimme bleibt - leiser gestellt, aber nicht stumm.


Bilder von K.W.P. - Foto mit freundlicher Genehmigung von K.W.P.
Bilder von K.W.P. - Foto mit freundlicher Genehmigung von K.W.P.

Vom Arbeiten im Hintergrund zur Malerin - Verantwortung für das eigene Feld


Später übernimmt Kerstin Verantwortung auf eine Weise, die viele kennen: Sie nimmt unterschiedliche Stellen an, oft mehrere Aufgaben gleichzeitig, um den Lebensunterhalt zu sichern und ihre Familie zu tragen. Es sind Tätigkeiten, die zuverlässig, fleißig und präsent im Alltag sein müssen

und die dennoch in unserer Gesellschaft häufig wenig gesehen werden.


In dieser Zeit hält sie vieles zusammen, stellt sich selbst zurück, sorgt dafür, dass es für andere funktioniert. Dieses Muster - „Ich stehe in der zweiten Reihe und halte das Feld“ - begleitet sie durch viele dieser Jahre.

Und doch gibt es einen Moment der Verschiebung. In einem Gespräch im Rahmen einer beruflichen Beratung sagt eine Mitarbeiterin sinngemäß zu ihr:

So wie Sie sehen, wahrnehmen und gestalten, steckt in Ihnen ein künstlerisches Potenzial, das mehr Raum verdient, als es in Ihren bisherigen Tätigkeiten bekommt.

Das ist kein abruptes Märchen „vom Aschenputtel zur gefeierten Künstlerin“, aber es ist ein Wendepunkt:

Kerstin beginnt, ihr eigenes inneres Feld ebenso ernst zu nehmen wie all die Felder, für die sie bisher Verantwortung getragen hat. Sie bleibt ein Mensch, der trägt und zusammenhält - aber sie verschiebt den Fokus:

Nicht mehr nur funktionieren. Sondern das, was sie am tiefsten bewegt, als ernsthafte Lebensgrundlage anerkennen.

Von außen wirkt das wie eine berufliche Veränderung. Von innen ist es ein Akt von Selbstführung:

Ich übernehme Verantwortung dafür, wofür ich wirklich hier bin.


Aus dieser inneren Verschiebung heraus verändert sich auch ihr Blick auf die eigene Kunst. Die Bilder sind nicht mehr nur ein stilles Ventil im Hintergrund, sondern werden Schritt für Schritt zu einem sichtbaren Teil ihres Lebensentwurfs - für sie selbst und für andere.


Kunst und Bild mit freundlicher Genehmigung von K.W.P.
Kunst und Bild mit freundlicher Genehmigung von K.W.P.


Kunst als Selbstheilung und als Raum für andere


Bis heute spürt man, wie eng ihre Malerei mit ihrem Innenleben verbunden ist. Die Bilder sind auch eine Form von Selbsttherapie:

  • Sie verarbeitet Grenzen, alte Angstfelder, Überforderung.

  • Sie setzt dem stummen Funktionieren eine Form entgegen, in der sie fühlen darf.

  • Sie verwandelt Erlebtes in etwas, das tragbar und teilbar wird.


Gleichzeitig steht sie nicht mehr nur für sich selbst an der Staffelei. In ihren Malkursen und Workshops öffnet sie Räume, in denen andere Menschen genau das erfahren können:

  • sich selbst in einem sicheren Rahmen zu begegnen,

  • die eigenen inneren Grenzen zu spüren, ohne von ihnen überwältigt zu werden,

  • mit Illusion und Realität zu spielen: Was wäre, wenn ich mich größer, freier, farbiger denken dürfte?


Hier zeigt sich auch ihre Fähigkeit zur Reflexion und ihr sehr feines Gespür für andere: Sie sieht Menschen, oft noch bevor sie selbst sehen, was in ihnen möglich ist. Ihre Kunst und ihre Begleitung sind keine laute Show, sondern eine Art leise, sehr klare Führung: Ich halte den Raum - du darfst dich ausbreiten.


Glaubenssätze, zweite Reihe – und leise Grenzverschiebungen


Dass dieser Weg nicht frei von Hindernissen ist, verschweigt Kerstin nicht. Es gibt tief eingeprägte Glaubenssätze, eine Mentalität, die sagt: „Erst die Arbeit, erst die anderen, ich später.“

Sie hat ihr Leben lang hart gearbeitet, viel getragen, oft in der zweiten Reihe gestanden - in Familie, in Beziehungen, in Verantwortungskonstellationen.

Und doch:

Mit jedem Bild, jedem Auftrag, jeder Person, die sie portraitiert, verschiebt sie diese alte Grenzlinie ein Stück. Sie bleibt die, die zusammenhält - aber sie erlaubt sich immer mehr, gleichzeitig sichtbar zu sein.

Genau diese stille Bewegung macht ihren Weg so kraftvoll: Es ist keine Revolution mit großem Knall, sondern ein kontinuierliches Überschreiten von Grenzen - inneren wie äußeren.


Kunst und Bild mit freundlicher Genehmigung von K.W.P.
Kunst und Bild mit freundlicher Genehmigung von K.W.P.


Hier passt der Satz von Peter Weibel noch einmal besonders gut:


„Die Aufgabe der Kunst besteht darin, Türen zu öffnen, wo sie keiner sieht.“

Bei Kerstin lässt sich das auf mehreren Ebenen beobachten:

  • Sie öffnet Türen in sich selbst, indem sie malt, auch dort, wo früher Schweigen war.

  • Sie öffnet Türen für andere, die in ihren Kursen und Portraits neue Seiten an sich entdecken.

  • Sie öffnet Türen zwischen Illusion und Realität, zwischen biografischer Schwere und innerer Freiheit.

Ihre Kunst ist kein Dekor, sondern ein Möglichkeitsraum.


Ein offenes Warum – im Tun gelebte Wahrheit

Kerstin sagt von sich, sie habe ihr eigentliches „Warum“ vielleicht noch gar nicht endgültig gefunden. In einer Welt, in der überall von Mission, Vision und glasklaren Antworten die Rede ist, wirkt das erstaunlich ehrlich.



Bild und Kunst mit freundlicher Genehmigung von K.W.P.
Bild und Kunst mit freundlicher Genehmigung von K.W.P.


Doch wenn man ihr zuhört und sie beim Arbeiten erlebt, könnte man auch sagen:

  • Sie lebt ihr Warum, während sie es noch sucht.

  • Ihre Bilder öffnen anderen Menschen Türen - auch dort, wo sie selbst nicht alles in einen einzigen Satz packen würde.

  • Sie meistert Grenzen, indem sie weitergeht, anstatt nur über sie nachzudenken.


Vielleicht ist genau das der Punkt:

Das Warum zeigt sich nicht immer als fertiger Satz an der Wand. Manchmal zeigt es sich in der Art, wie ein Mensch Tag für Tag auftaucht, Verantwortung übernimmt, hin spürt, gestaltet - trotz aller Zweifel, trotz alter Glaubenssätze.


Was wir von Kerstin lernen können


Wenn man Kerstin's Weg auf sich wirken lässt, lässt sich vieles daraus mitnehmen - auch jenseits von Kunst:

  • Grenzen prägen uns, aber sie definieren uns nicht. Weder politische Grenzen noch Rollenbilder oder Familiengeschichten haben das letzte Wort.

  • Innere Räume sind kein Luxus, sondern Überlebensstrategie. Illusion, Vorstellungskraft, Kreativität können zu echten Kraftquellen werden, wenn außen wenig Luft ist.

  • Feinfühligkeit ist Stärke. Kerstins Fähigkeit, Menschen zu sehen, ihnen in die Augen zu schauen und sie in ihren Portraits ernst zu nehmen, ist eine Form von Führung - still, aber eindeutig.

  • Selbstführung heißt auch: Verantwortung für das eigene Feld übernehmen. Von wechselnden Job's zur Malerin – nicht als Abwertung des einen und Aufwertung des anderen, sondern als bewusste Entscheidung: Ich nehme das ernst, was in mir brennt.


Bild und Kunst mit freundlicher Genehmigung von K.W.P.
Bild und Kunst mit freundlicher Genehmigung von K.W.P.

Für mich zeigt Kerstin Woyke Pereira, wie sehr Kunst und Leben ineinander greifen können: wie Bilder zu Sprache werden, wenn Worte fehlen, wie aus Grenzen Zwischenräume werden, und wie aus Zwischenräumen neue Wege entstehen.


Und vielleicht ist es genau das, was ihre Arbeit so besonders macht:

Sie erinnert uns daran, dass es immer Türen gibt - selbst dort, wo wir im ersten Moment nur Mauern sehen.


Wenn du Kerstin und ihre Arbeit näher kennenlernen möchtest - ihre Bilder, Ausstellungen und Malkurse, findest du hier weitere Einblicke:


(Externer Link)

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