top of page

Zwischen Ursprung und Aufbruch – ein junger Winzer und die Kunst, im Prozess zu bleiben.


Ein SesselTalk über Sinn, Tradition und die stille Stärke, sich selbst treu zu bleiben.

Als ich im August mit Michael über Zoom sprach, fühlte es sich an wie ein Gespräch, das längst begonnen hatte. Seine Geschichte nahm ihren Anfang viel früher – an einem Novembermorgen 2024, bei einer spontanen Weinprobe, die uns überraschend berührt hat. Es war eine leise Resonanz. Kein großes Ereignis, keine laute Geste. Einfach ein Moment, der sich gesetzt hat.

Und genau dort beginnt das, was ich heute erzählen möchte.



Eine Begegnung im Kleinen – und eine Wirkung, die bleibt


Wir waren damals über Landvergnügen auf dem Weingut gelandet. Spät abends, ohne Erwartung, ohne Plan. Am nächsten Morgen wurden wir zu einer Weinprobe eingeladen – ein Raum voller Wärme, Offenheit und natürlicher Nähe.

In dieser Atmosphäre begegneten wir Michael.

Er war nicht derjenige, der sich in den Vordergrund drängte. Aber er war derjenige, der im Inneren hängenblieb.

Eine stille Wachheit. Ein Gespür für Menschen. Eine Aufmerksamkeit, die nicht gespielt war.


Es war der Moment, in dem ich dachte:

Dieser junge Mensch hat eine Geschichte, die erzählt werden möchte.


Der Ursprung – und die Menschen, die davor standen


Das Weingut Meusert hat eine Geschichte, die bis ins Jahr 1643 reicht.

Ein Ort voller Wandel, voller Entscheidungen, voller Familienlinien.


Eine dieser Geschichten begleitet das Weingut bis heute:

In den 1930er-Jahren brachte die Urgroßmutter eine so reiche Müller-Thurgau-Ernte ein, dass der Keller zu klein wurde. Sie improvisierte – und vergor den Most im alten Schelch, dem Familienboot. Aus einer Notlösung wurde ein Wein, der in der Häckerwirtschaft ausgeschenkt wurde und bis Weihnachten leer war.



Schelch - Sinnbild von Tradition
Schelch - Sinnbild von Tradition

Diese Geschichte zeigt etwas Wesentliches:

Mut.

Kreativität.

Handlungsfähigkeit.

Und die Fähigkeit, Chancen zu sehen, wo andere Grenzen sehen.

Ein Boden, auf dem heute ein junger Winzer steht, der genau diese Qualitäten weiterträgt – auf seine Weise.


Vertrauen, das trägt – und Verantwortung, die wachsen lässt


Während seines Studiums erhielt Michael die Aufgabe, einen kleinen Versuch mit wenigen Litern Wein durchzuführen. Sein Vater entschied anders und stellte ihm einige hundert Liter zur Verfügung – nicht, um Druck zu erzeugen, sondern als Ausdruck von Vertrauen.


Wenn du lernst, dann unter echten Bedingungen. Und wenn wir so viel einsetzen, dann gehen wir davon aus, dass du etwas daraus machst.

Diese Haltung hat ihn tief berührt. Nicht wegen der Menge, sondern wegen der Botschaft dahinter:

Dir wird etwas zugetraut.


Für Michael wurde dieser Moment eine wesentliche Erfahrung. Er durfte sich ausprobieren – nicht im Kleinen, sondern im Realen.

Er lernte, wie Entscheidungen sich im Wein widerspiegeln, wie Nuancen wirken und wie viel Aufmerksamkeit ein Wein braucht, um eine eigene Handschrift zu entwickeln.

Und er erlebte, dass Vertrauen manchmal genau der Boden ist, auf dem Dranbleiben möglich wird.



Meusert Wein
Meusert Wein

Sein Warum – zwischen Sinn, Resonanz und unternehmerischem Denken


In unserem Gespräch im August sprach Michael offen darüber, wie dieser erste eigene Wein ihn geprägt hat.


„Da war so viel Herzblut drin. Und dann kam dieses Feedback …Menschen hatten eine gute Zeit, sie waren berührt, sie haben mir erzählt, was der Moment ihnen bedeutet hat. Das macht etwas mit einem.“

Michael ist Winzer.

Und Unternehmer.


Er entscheidet, plant, kalkuliert, trägt Verantwortung.

Und gleichzeitig ist er jemand, der spürt, dass Wein mehr ist als ein Produkt.

Es ist ein Medium für Begegnung.

Für Atmosphäre. Für Genuss. Für Verbindung.


Er denkt wirtschaftlich – und fühlt künstlerisch. Und er verbindet diese beiden Ebenen, ohne eine von ihnen zu verlieren.


Sein Warum liegt genau dort:

Im zwischen.



Die Stärke junger Menschen – und der feine Grat der Überforderung


Was mich besonders berührt hat, ist seine Reflexionsfähigkeit. Er sieht Zusammenhänge. Er stellt Fragen. Er sucht Sinn – nicht irgendwann später, sondern jetzt.


Das beeindruckt mich. Und gleichzeitig zeigt es die Herausforderung seiner Generation:

Wer früh nach Sinn fragt, trägt oft auch die Gefahr in sich, sich selbst zu viel abzuverlangen.


Michael balanciert genau dort:

zwischen Anspruch und Erlaubnis,

zwischen Ehrgeiz und Achtsamkeit,

zwischen innerem Kritiker und innerem Lehrmeister.


Das macht ihn nicht idealisiert – sondern menschlich.


Michael Meusert
Michael Meusert

Reibung als Entwicklungsraum


Wenn Generationen zusammenarbeiten, entsteht Reibung. Nicht als Konflikt, sondern als Spannungsfeld.

Michael geht damit bemerkenswert reflektiert um. Er bewertet nicht vorschnell. Er hält aus, er hört hin, er sortiert.

Seine Freundin – selbst mit Weinbau vertraut – ist ein wichtiger Spiegel für ihn. Sie hilft ihm, Abstand zu gewinnen, Perspektiven zu wechseln, klarer zu sehen.

Reibung ist bei ihm kein Hindernis. Sie ist ein Ort, an dem Entwicklung entsteht.


Wein als Sprache – und die Gabe, Komplexität sichtbar zu machen


Michael hat eine besondere Fähigkeit:

Er kann erklären.

Wie Traubenkerne schmecken. Wie Gerbstoffe sich zeigen. Wie Strukturen wirken. Wie Entscheidungen sich im Wein ausdrücken.


Er macht Wein erlebbar. Verständlich. Bildhaft.

Er nimmt Menschen mit in seine Welt – ohne sie zu überfordern. Das ist eine Gabe, die nicht jeder hat.



Was bleibt


Wenn ich an unser Gespräch zurückdenke, bleibt ein Gefühl von Aufrichtigkeit und Bewegung. Michael ist jemand, der sich seinem Weg stellt – mit all seinen Facetten.


Er hält Stärke und Unsicherheit gleichzeitig aus.

Er verbindet Herkunft und Zukunft.

Er trägt Verantwortung – und sucht Sinn.

Er experimentiert – und erdet sich.

Er bleibt neugierig – und lernt, sich selbst nicht zu verlieren.


Und genau das berührt mich.

Denn es erinnert daran, dass wir alle unterwegs sind:

zwischen Ursprung und Aufbruch.

zwischen dem, was uns geprägt hat, und dem, was wir daraus machen.

zwischen dem Außen, das sichtbar ist, und dem Innen, das es erst ermöglicht.



Rebellion - Ausdruck der Moderne
Rebellion - Ausdruck der Moderne


Deshalb erzähle ich seine Geschichte.


Weil sie leise ist.


Menschlich.


Echt.


Und weil sie uns daran erinnert, dass Prozesse wertvoll sind – lange bevor Ergebnisse sichtbar werden.

Wenn du tiefer in die Welt des Weinguts Meusert eintauchen möchtest, findest du hier weitere Informationen.

(externer Link)


Jungwinzer der Jahres

Und während diese Zeilen entstanden, wurde Michael zum Jungwinzer des Jahres gekürt. Ein Moment, der zeigt, wie sichtbar innere Arbeit irgendwann im Außen wird.


Meine herzliche Gratulation an ihn.


Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare


bottom of page