Weihnachten und die Kunst, Mensch zu sein
- andreaschich

- 23. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Ein Text über Liebe, Präsenz und die Freiheit, unperfekt zu sein
Weihnachten erzählt eine einfache und zugleich revolutionäre Geschichte:
Nicht die Perfektion wird gefeiert, sondern die Geburt von etwas zutiefst Menschlichem – verletzlich, unscheinbar, echt.
Die Geschichte von Christi Geburt ist weniger eine Erzählung über ein makelloses Ideal, sondern eine Erinnerung daran, dass Liebe immer dort sichtbar wird, wo das Leben ungeschützt, unverstellt und wahr sein darf.
Wir leben in einer Welt, die Perfektion zu einem Wert erhoben hat. Auch religiöse Traditionen haben dazu beigetragen, indem sie Figuren idealisiert haben, die in ihrem Ursprung viel menschlicher, viel lebendiger, viel widersprüchlicher waren. Jesus als Verkörperung von Liebe - ja.
Aber als unfehlbares Ideal:
eine Konstruktion, die uns oft eher klein macht als frei.
Dabei zeigt gerade sein Leben: Liebe entsteht nicht durch Fehlerlosigkeit. Liebe entsteht durch Präsenz. Durch Mitgefühl. Durch die Fähigkeit, hinzuhören, Raum zu halten, da zu sein.
Wir vergessen manchmal, dass wir selbst aus mehreren Ebenen bestehen:
Die menschliche Ebene, auf der wir fühlen, zweifeln, scheitern, hoffen, wachsen. Die Ebene, auf der Unperfektion keine Schwäche, sondern Verbindung schafft.
Die psychologische Ebene, auf der unser Ego Sicherheit sucht, Vergleich betreibt, uns drängt, „besser“ zu sein – und damit oft genau die Nähe verhindert, die wir uns wünschen.
Und die Wesensebene, die zeitlos, unzerstörbar und vollkommen ist – nicht im Sinne von fehlerfrei, sondern im Sinne von ganz. Diese Ebene braucht keine Verbesserung. Sie ist eher etwas, an das wir uns erinnern, wenn wir still werden.
Je mehr wir lernen, zwischen diesen Ebenen zu unterscheiden, desto näher kommen wir der bedingungsfreien Liebe. Nicht, weil wir plötzlich perfekt wären, sondern weil wir uns erlauben, ganz zu sein.

Bedingungsfreiheit ist kein Zustand, den wir einmal erreichen und behalten. Sie ist ein Weg. Ein Prozess.
Manche Tage gelingt es uns, andere Tage verlieren wir den Faden.
Und genau das unterstreicht, dass wir Menschen sind – und dass Liebe sich in diesem Werden ausdrückt.
Selbstliebe spielt dabei eine zentrale Rolle. Wir können nur so weit lieben, wie wir uns selbst annehmen können.
Je mitfühlender wir mit unserem eigenen Innenleben umgehen, desto weiter öffnet sich unser Herz für andere.
Je ehrlicher wir mit uns sind, desto authentischer können wir in Beziehungen stehen.
Je mehr wir auf unser eigenes Gefäß achten – Körper, Geist, Präsenz – desto stabiler wird die Liebe, die wir geben können.
Vielleicht ist das größte Geschenk, das wir uns und anderen in dieser Zeit machen können, nicht ein perfekt verpacktes Präsent, sondern unsere Aufmerksamkeit.
Das stille Dasein. Das Zuhören ohne zu bewerten. Die Präsenz, die nicht kontrolliert, sondern hält. Das Anerkennen dessen, was im Moment wahr ist.
Es ist diese Haltung, die Beziehung nährt, Vertrauen stärkt und Verbundenheit entstehen lässt - im Privaten, in der Partnerschaft, in Familien, und ja: auch in Führung.
Denn auch Führung beginnt nicht bei Methoden, sondern bei Menschlichkeit.
Bei der Fähigkeit, Räume zu schaffen, in denen andere sein dürfen, wie sie sind UND sich dadurch entfalten können.
Weihnachten erinnert uns daran, dass etwas Großes immer in etwas Kleinem beginnt.
Dass Liebe nicht durch Makellosigkeit entsteht, sondern durch Menschlichkeit. Und dass unsere größte Stärke oft dann sichtbar wird, wenn wir einander mit offenem Herzen begegnen.

Ich wünsche uns allen in dieser Weihnachtszeit Momente der Stille, der Echtheit, der Wärme und die Freiheit, unperfekt zu sein.
von Herzen
Andrea





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